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Aus der Rezension von Bernd Mayer in: Bibliographie zur Symbolik, Ikonographie und Mythologie 25 (1992), S. 78 f., zu: 

Peter Schmidt: Die Große Schlacht. Ein Historienbild aus der Frühzeit des Kupferstichs. Wiesbaden: Harrassowitz 1992 (GRATIA. Bamberger Schriften zur Renaissanceforschung 22).



Gegenstand dieser Untersuchung ist einer der ältesten Kupferstiche, der in der Literatur unter dem Namen Die Große Schlacht bekannt ist. Er gehört mit seinem erstaunlich großen Format, der detaillierten Erzählweise, der erbarmungslosen Darstellung des brutalen Kampfes und den oft verblüffend perspektivisch verkürzten Figuren zu den bemerkenswertesten Werken der frühen Druckgraphik.

Der Autor versucht zunächst, die dargestellte Schlacht als historisches Ereignis zu bestimmen. Eine ältere These, nach der es sich um eine Szene aus den Hussitenkriegen handeln könnte, wird unter genauer Untersuchung der historischen Gegebenheiten und bestimmter Indizien auf dem Blatt präzisiert. Der Autor identifiziert den Sieg des Herzogs Johann von der Pfalz gegen die Hussiten im Jahre 1433 als vermutlichen Gegenstand des Stiches; einiges spricht dafür, in dem Blatt die Kopie eines verlorenen Schlachtengemäldes zu sehen. Als Darstellung eines geschichtlichen Ereignisses ist der Stich somit ein ungewöhnliches Zeugnis einer Aufgabe von Bildern, die in der Kunstgeschichtsschreibung über diese Zeit kaum wahrgenommen wird und für die frühe Druckgraphik ganz untypisch ist. In Einklang mit der historischen Einordnung steht die stilistische Analyse des Blattes. Der Autor weist nach, daß darin Vorbilder aus der norditalienischen Malerei des späten Trecento und frühen Quattrocento verarbeitet sind. Dies gehört auch zu den Merkmalen jener Gruppe von Gemälden, Miniaturen und Zeichnungen aus dem Regensburger Raum, mit denen er den Kupferstich in Zusammenhang bringt. Im Zentrum dieser Gruppe steht der Meister der Worcester-Kreuztragung, der als großer Neuerer der süddeutschen Malerei der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts gelten kann. Die Vergleiche sind ausführlich mit Abbildungsreihen belegt - wie überhaupt der üppige Abbildungsteil die Arbeit nicht nur illustriert, sondern ihre Argumentationsgänge stützt. Der Diskussion weiterer Kupferstiche, die dem Künstler der Großen Schlacht (in der Literatur meist als Meister des Todes Mariä bezeichnet) zugeschrieben wurden, folgt zum Schluß die Vorstellung bislang unbekannter Rezeptionsdokumente aus dem 15. Jahrhundert, welche die Wirkung des Bildes belegen.

Der Autor hat in der Arbeit eine umfassende Deutung und Einordnung eines einzelnen Kupferstiches versucht, doch dabei auch neues Licht auf die Geschichte des frühen Kupferstichs wie auch der süddeutschen Kunst in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts geworfen. Von besonderem Interesse dürfte die Datierung auf 1433 oder nur wenig später - aufgrund der Identifizierung des historischen Kontexts nicht anzuzweifeln - sein, waren doch die Datierungen der ersten Kupferstiche mit großen Unsicherheiten verbunden. Von großer Bedeutung für die Geschichte der neuen vervielfältigenden künstlerischen Medien des ausgehenden Mittelalters sind die Ergebnisse des Autors bezüglich der Lokalisierung des Blattes: Etwa gleichzeitig zu den frühesten Kupferstichen des Meisters der Spielkarten am Oberrhein wurde diese druckgraphische Technik auch im bayerischen Raum praktiziert, wo die technische Innovation sich mit künstlerischer Neuerung verband.



Kupferstich der Großen Schlacht